Mutter

Mutter
Mutters Holzpüppchen

Ich weiß nicht, wie alt diese Holzpuppe ist, vielleicht 30 Jahre. Oder doch älter? Ich weiß es nicht, und ich erinnere mich auch nicht mehr, wo ich sie gefunden habe. Einzig, dass sie meiner Mutter gehörte und diese sich immer wieder daran erfreute. Das weiß ich noch. Möglich ist, dass Mutter sie selbst gemacht hat, vieles hat sie selbst gemacht, sie hat permanent ihr Haus und ihren Garten verschönert. Jedenfalls habe ich dieses Teil irgendwo ausgegraben und mich entschlossen, es nun in meinen Garten zu stellen, bzw. setzen, zusammen mit einer kleinen bunten Holzraupe, die schon sehr verwittert ist. Natürlich auch von Mutter.

Meine Mutter war ein schwieriger Mensch. Sie war herrisch, ließ sich nix sagen und flippte völlig aus, wenn es nicht nach ihrer Nase ging. Sie konnte sehr unangenehm werden. Sie war nicht mütterlich. Das habe ich manchmal sehr vermisst und alle die beneidet, die eine Muttermutter hatten, so eine, die sich kümmerte, Stullen schmierte, wach blieb, bis man zu Hause war, das Essen auf dem Tisch hatte, wenn die Familie nach Hause kam, natürlich in der schönen heimeligen Küche, die man alles fragen konnte, die immer ein Pflaster da hatte… die sich eben bekümmerte und all sowas tat, was ich für mütterlich hielt. Meine Mutter war es jedenfalls nicht. Sie machte Karriere. Sie interessierte sich wenig für mein Befinden, sie hielt mich an, eine gute Ausbildung zu machen, damit ich auf eigenen Beinen stehen konnte und bloß nicht von einem Mann abhängig werde. Ohne Unterlass predigte sie mir von einem selbständigen Leben, selber Entscheidungen treffen, niemals jemanden fragen müssen, wenn ich mir was kaufen will…

Als ich ihr mit 27 aufgeregt erzählte, dass ich heiraten wolle, fragte sie mich, ob ich bescheuert sei. Es traf mich bis ins Mark. Nein, mütterlich war meine Mutter nicht. Aber sie brachte mir bei, auf eigenen Beinen zu stehen. Meine Entscheidungen zu treffen. Für mich einzustehen und niemanden um Erlaubnis zu fragen, wofür auch immer ich mein Geld ausgebe, und wenn ich es aus dem Fenster schmeiße. Sie brachte mir bei, dass dafür eine gute Ausbildung notwendig ist und ein guter Verdienst. Und dass man nicht stehen bleiben darf, sondern immer weiter gehen muss. Niemals aufgeben. Es gibt immer einen Weg.

Wenn ich im Garten bin und diese alte halb verwitterte Holzpuppe sehe, dann denken ich an meine Mutter. Und dann vermisse ich sie.

Mütter sterben nicht, gleichen alten Bäumen,
in uns leben sie und in unseren Träumen.
Wie ein Stein den Wasserspiegel bricht,
zieht ihr Leben in dem uns’ren seine Kreise.
Mütter sterben nicht.
Mütter leben fort auf ihre Weise.

0

ich freue mich über Kommentare:

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Back to Top
%d Bloggern gefällt das: